Definition
Zeitpräferenz ist die Bevorzugung von Gütern in der Gegenwart gegenüber Gütern gleicher Art und Qualität in der Zukunft. Sie ist eine notwendige Kategorie des menschlichen Handelns und erklärt die Entstehung des ursprünglichen Zinses.
Einstieg
Stellen Sie sich vor Sie gewinnen einen Geldpreis. Man bietet Ihnen zwei Möglichkeiten an. Sie können zehntausend Euro heute erhalten oder den exakt gleichen Betrag erst in zehn Jahren bekommen. Die meisten Menschen würden das Geld sofort nehmen. Das liegt nicht an Gier. Es liegt daran, dass wir Bedürfnisse jetzt und nicht später befriedigen wollen. Güter haben einen höheren Wert für uns, wenn sie schneller verfügbar sind. Wer warten soll, verlangt dafür einen Aufschlag. Dieser Aufschlag ist kein künstliches Konstrukt der Banken. Er ist tief in der menschlichen Natur verwurzelt. Wir nennen dieses Phänomen Zeitpräferenz.
Die Logik der Zeit
Handeln in der Zeit
Der Mensch lebt und handelt in der Zeit. Jede Handlung verbraucht Zeit und ist auf die Zukunft gerichtet. Dennoch ist die Befriedigung eines Bedürfnisses in der unmittelbaren Gegenwart stets wertvoller als die gleiche Befriedigung in der Zukunft. Das ist kein psychologischer Defekt. Es ist eine logische Notwendigkeit. Wäre es anders, würde der Mensch niemals konsumieren. Er würde immer warten, da der Genuss in der Zukunft ja gleich viel oder mehr wert wäre. Ein Mensch ohne Zeitpräferenz würde verhungern, während er auf eine noch bessere Mahlzeit im nächsten Jahr spart.
Hohe und niedrige Zeitpräferenz
Die Rate der Zeitpräferenz ist von Mensch zu Mensch verschieden. Kinder haben oft eine sehr hohe Zeitpräferenz. Sie wollen die Süßigkeit sofort und können schwer warten. Erwachsene lernen oft zu verzichten, um später mehr zu haben. Eine niedrige Zeitpräferenz ist der Schlüssel zum Wohlstand. Wer nicht alles sofort verbraucht, kann sparen. Er kann Werkzeuge bauen und Produktionsprozesse starten, die länger dauern aber ergiebiger sind. Das nennt man Kapitalbildung. Je niedriger die Zeitpräferenz in einer Gesellschaft ist, desto mehr Kapital wird aufgebaut und desto wohlhabender werden die Menschen.
Vertiefung und Konsequenzen
Der Urzins
In der Österreichischen Schule wird streng zwischen dem Marktzins und dem Urzins unterschieden. Der Urzins entsteht direkt aus der Zeitpräferenz. Er ist der Preisabschlag, den zukünftige Güter gegenüber gegenwärtigen Gütern haben. Dieser Zins ist immer positiv. Er kann nicht null und nicht negativ sein. Was wir auf dem Markt als Kreditzins sehen, enthält neben dem Urzins noch weitere Komponenten. Dazu gehören ein Risikoaufschlag für mögliche Ausfälle und eine Prämie für erwartete Geldentwertung. Doch das Fundament bleibt die menschliche Bewertung von Zeit.
Zivilisation und Kultur
Hans-Hermann Hoppe betont den Zusammenhang zwischen sinkender Zeitpräferenz und Zivilisation. Wenn Menschen Eigentumssicherheit haben, lohnt es sich zu planen. Sie bauen Häuser, gründen Familienunternehmen und sorgen für das Alter vor. Unsicherheit und staatliche Eingriffe können diesen Prozess umkehren. Wenn Inflation das Ersparte entwertet oder Gesetze unberechenbar sind, steigt die Zeitpräferenz wieder. Die Menschen konsumieren dann lieber schnell ihr Kapital, bevor es ihnen genommen wird. Dies führt zu einem kulturellen und wirtschaftlichen Verfall.
Verwandte Begriffe
Die Zeitpräferenz ist eng verknüpft mit dem Zins. Sie ist die Voraussetzung für jegliches Sparen und damit für die Bildung von Kapital. In der Praxeologie wird sie als apriorische Kategorie behandelt. Sie beeinflusst jede menschliche Handlung, die sich über Zeit erstreckt.