Methodischer Individualismus

Nur Individuen handeln

Definition

Der Methodische Individualismus ist das erkenntnistheoretische Grundprinzip, dass jede Erklärung sozialer Phänomene beim konkreten Handeln einzelner Menschen ansetzen muss. Methodologischer Individualismus sagt: Wenn wir verstehen wollen, warum etwas in der Gesellschaft geschieht, müssen wir immer darauf schauen, was einzelne Menschen tatsächlich tun, planen und bewerten.

Ein Kollektiv kann nicht denken oder wählen, weil nur Menschen entscheiden und handeln können. Begriffe wie "der Staat", "die Gesellschaft" oder "die Nation" sind praktische Abkürzungen, aber sie besitzen keine eigenständige Existenz als handelnde Subjekte. Nur der einzelne Mensch handelt.

Ökonomische Analyse

In der Umgangssprache nutzen wir oft kollektive Begriffe. Wir sagen Dinge wie "Die Regierung hat entschieden" oder "Der Markt reagiert nervös". Wenn man wirklich verstehen will, wie etwas zustande kommt, darf man bei diesen großen Begriffen aber nicht stehen bleiben.

Ein Kollektiv hat kein Gehirn, keinen Willen und keine Werteskala. Es kann weder "denken" noch "fühlen" noch "handeln". Was wir als Handlung eines Kollektivs wahrnehmen, ist in Wahrheit immer das Resultat der koordinierten Handlungen von konkreten Einzelpersonen.

Wer ökonomische Zusammenhänge verstehen will, darf nicht bei abstrakten Größen wie "dem Preisniveau" oder "dem Gesamtkonsum" stehen bleiben. Man muss fragen, welche individuellen Anreize und Handlungen zu diesen aggregierten Ergebnissen geführt haben. Eine Inflation wird nicht vom "Preisniveau" verursacht, sondern von konkreten Menschen in der Zentralbank, die die Geldmenge ausweiten, und von Individuen, die daraufhin ihre Preise anheben.

Beispiel: "Der Marktpreis"

Stellen wir uns den Satz vor: "Der Markt hat den Preis für Äpfel auf zwei Geldeinheiten festgelegt."

Ein methodischer Kollektivist könnte "den Markt" als eine abstrakte Instanz betrachten, die Preise diktiert. Dies verschleiert die wahren Vorgänge.

Der methodische Individualist zerlegt das Phänomen. Er sieht:

  • Die Käuferin A, die bereit ist, maximal zwei Geldeinheiten zu zahlen.
  • Den Verkäufer B, der seine Äpfel nicht unter 1,80 Geldeinheiten verkaufen möchte.
  • Den Käufer C, der bei zwei Geldeinheiten verzichtet, weil ihm das zu teuer ist.
  • Den Konkurrenten D, der versucht, Kunden mit einem Preis von 1,90 Geldeinheiten abzuwerben.

Erst das Zusammenspiel dieser individuellen Kaufentscheidungen und Angebote ergibt das, was wir aggregiert als "Marktpreis" bezeichnen. Dadurch, dass A lieber mehr bezahlt, B lieber weniger verlangt, C verzichtet und D um Kunden wirbt, entsteht ein Preis, der in jeder Situation neu ausgehandelt wird. Der Preis wird nicht von einer unsichtbaren Macht "festgelegt", sondern entsteht jedes Mal neu aus den subjektiven Wertungen und Handlungen konkreter Individuen.

Historie

Inhaltlich beginnt der methodische Individualismus bei Carl Menger. Seine Grundsätze der Volkswirtschaftslehre zeigten, dass wirtschaftliche Ordnungen aus den Entscheidungen konkreter Menschen entstehen und nicht aus geheimnisvollen Kräften der "Volkswirtschaft". Damit stellte er sich gegen die Historische Schule um Gustav Schmoller, die ganze Nationen als handelnde Organismen betrachtete.

Joseph Schumpeter prägte 1908 den Begriff "Methodologischer Individualismus" und machte ausdrücklich, was bei Menger angelegt war: Wer soziale Tatsachen erklären will, muss sie auf individuelle Entscheidungen und Erwartungen zurückführen.

Ludwig von Mises erhob dieses Prinzip in Human Action zum Fundament der gesamten Praxeologie, und Friedrich August von Hayek nutzte es, um die Grenzen zentraler Planwirtschaft aufzuzeigen. Weil nur Individuen ihr lokales Wissen besitzen, kann kein Planer ihre Entscheidungen ersetzen.