Grenznutzen

Das Fundament der Wahlhandlung

Definition

Der Grenznutzen bezeichnet die Bedeutung der am wenigsten wichtigen Verwendung, die mit dem vorhandenen Vorrat eines Gutes gerade noch möglich ist. Dieses Urteil bestimmt, welchen Rang der gesamte Vorrat in der persönlichen Werteskala des Handelnden einnimmt.

Ökonomisch betrachtet hat jede Einheit eines homogenen Gutes denselben Wert. Der Wert orientiert sich immer am Grenznutzen – also an jener Verwendung, auf die man als erste verzichten würde, wenn sich der Vorrat verringert. Es gibt daher keine „besondere letzte Einheit“, sondern austauschbare Einheiten, deren Bewertung sich aus der unwichtigsten noch möglichen Verwendung ergibt.

Ökonomische Analyse

Handeln ist das Anstreben von Zielen unter Einsatz von knappen Mitteln. Da unsere Mittel knapp sind, können wir nicht alle unsere Bedürfnisse gleichzeitig befriedigen. Wir müssen wählen. Dabei erstellen wir zwangsläufig eine Rangliste (Werteskala) unserer Bedürfnisse, von den dringendsten zu den weniger wichtigen.

Das Gesetz vom abnehmenden Grenznutzen entspringt logisch dieser Tatsache: Besitzt ein Mensch mehrere Einheiten eines gleichartigen Gutes, plant er die erste Einheit für das wichtigste Ziel ein, die zweite für das zweitwichtigste und so weiter. Jede zusätzliche Einheit wird also einem Ziel zugeordnet, das auf der Werteskala niedriger rangiert als das vorherige. Der Grenznutzen nimmt deshalb ab – nicht weil der Mensch „satt“ oder gelangweilt wäre, sondern weil weitere Einheiten für immer weniger wichtige Zwecke eingeplant werden. Das ist keine psychologische These, sondern folgt direkt aus der Rangordnung der Ziele.

Da alle Einheiten eines homogenen Gutes austauschbar sind, gilt: Der Wert jeder Einheit wird durch die am wenigsten wichtige Verwendung bestimmt, die gerade noch möglich ist. Fällt eine Einheit weg, verschwindet genau diese Verwendung – daher orientiert sich der Preis eines Vorrats am Grenznutzen.

Weil der Wert eines Gutes gemäß der Subjektiven Wertlehre immer aus dem persönlichen Werturteil entspringt, bestimmt nicht die Gesamtmenge eines Gutes seinen Wert, sondern der Grenznutzen: die Bedeutung der am wenigsten wichtigen Verwendung. So löst der Grenznutzen die scheinbare Paradoxie zwischen Wasser und Diamanten.

Beispiel: Eugen von Böhm-Bawerks Bauer

Um dieses Prinzip zu veranschaulichen, nutzte Eugen von Böhm-Bawerk das klassische Beispiel eines isoliert lebenden Bauern, der fünf Säcke Korn geerntet hat. Diese fünf Säcke sind seine einzigen Mittel für das kommende Jahr. Er plant deren Verwendung nach Dringlichkeit:

  • Der erste Sack sichert sein bloßes Überleben (Brot essen, um nicht zu verhungern).
  • Der zweite Sack dient seiner Gesundheit und Kraft (mehr und besseres Essen).
  • Der dritte Sack wird verwendet, um Hühner zu mästen (Fleisch als Variation).
  • Der vierte Sack wird zu Branntwein destilliert (Genuss).
  • Der fünfte Sack wird an Papageien verfüttert (bloße Unterhaltung).

Was ist nun der Wert eines Sackes Korn? Angenommen, Füchse fressen einen Sack. Welchen Verlust erleidet der Bauer? Er verliert nicht sein Leben oder seine Gesundheit. Als rational handelnder Mensch gibt er die am wenigsten wichtige Verwendung auf, nämlich das Futter für die Papageien. Genau diese entfallene Verwendung definiert den Grenznutzen.

Deshalb trägt jede Einheit des Vorrats denselben Wert: Sie alle stehen für die Option, Papageien zu füttern – die niedrigste noch mögliche Verwendung. Sinkt der Vorrat um eine Einheit, verschwindet diese Verwendung; steigt er, wird eine wichtigere Verwendung ergänzt. Der Grenznutzen richtet den Wert des gesamten Vorrats aus.

Das Diamanten-Wasser-Paradoxon

Böhm-Bawerks Bauer veranschaulicht das Prinzip, aber die wirkliche Macht des Grenznutzens zeigt sich in der Lösung des sogenannten Wertparadoxons, das Klassiker wie Adam Smith plagte.

Die Frage war: Warum ist Wasser, ohne das wir sterben würden, fast kostenlos, während Diamanten, die wir nicht brauchen, extrem teuer sind?

Die Antwort liegt im Verständnis des Randes (der Margin):

  • Wir haben so viel Wasser, dass die am wenigsten wichtige Verwendung (z.B. Autowaschen oder Rasensprengen) kaum Bedeutung besitzt. Weil der Grenznutzen durch genau diese Verwendung bestimmt wird, ist Wasser billig.
  • Diamanten sind extrem selten. Selbst die unwichtigste noch mögliche Verwendung bleibt hoch geschätzt (Prestige, Schönheit). Daher ist ihr Grenznutzen – und damit ihr Preis – hoch.

Wäre man in der Wüste und hätte nur eine Flasche Wasser, wäre deren Grenznutzen (Überleben) gigantisch hoch. Er wäre höher als der eines Diamanten.

Historie

Die Entdeckung des Grenznutzens gilt als einer der bedeutendsten Durchbrüche in der Geschichte des ökonomischen Denkens. Sie löste das jahrhundertealte "Wertparadoxon" (warum Wasser billig und Diamanten teuer sind), an dem selbst Giganten wie Adam Smith gescheitert waren.

Die Lösung wurde fast gleichzeitig und unabhängig voneinander von drei Denkern in den 1870er Jahren präsentiert: Carl Menger in Wien, William Stanley Jevons in England und Léon Walras in Lausanne.

Carl Menger legte dabei das Fundament für die spezifisch "Österreichische" Sichtweise. Während Teile der neoklassischen Ökonomie versuchten, Nutzen formal und mathematisch als messbare Größe darzustellen, zeigte Menger, dass Werturteile ordinal geordnet sind und als reale Bevorzugungen verstanden werden müssen. Damit wurde eine kausal-realistische Erklärung von Preisen möglich, die direkt aus menschlichen Handlung und Grenznutzen ableitbar ist.